Tchen Chiyao et Georges Zygel - Plastiken und Malerei
Kreismuseum Peine, 11.5. 2003

Mit Tchen Chiyao und Georges Zygel zeigt das Kreismuseum Peine die Arbeiten zweier französischer Künstler, die 1997 bereits mit einer sehr kleinen Auswahl ihrer Werke zu sehen waren: in der vielbeachteten Ausstellung „Peine-Pattensen-Paris – 9 Pariser Künstler“ 1997.

Damals faszinierten mich die beiden Künstler, die zusammen arbeiten und leben, in ihrer sich gegenseitig inspirierenden und ergänzenden Arbeit, die keine Konkurrenz kennt. Seit längerem hatte ich ihre Werke begleitet, konnte auch bei einem Atelierbesuch in Avrechy bei Paris direkt Einblick nehmen in ihre Vorgehensweise. Und nun sind sie endlich mit einer Werkschau wieder in Peine. Die Ausstellung ist umfangreich geworden, und man wundert sich, wie das alles in einen so kleinen Lieferwagen passen konnte. Aber sie haben generalstabsmässig gepackt, auch das eine Kunst. Der Aufbau dauerte drei lange Tage, er hat Spaß gemacht mit unserem Kauderwelsch französisch-deutsch-jiddisch. Gott sei Dank hatten wir mit dem Vöhrumer Künstler Zygmas Kudra eine große Hilfe bei der Gestaltung und Hängung. Vielen, vielen Dank dafür. Dank auch an Herrn Brandes, der geduldig die vielen Änderungen mitmachte und uns den Rücken freihielt.

Tchen Chiyao und Georges Zygel leben sehr naturverbunden mit einem riesigen, wilden, aber in Teilen auch kultivierten Garten, sehr einfach, aber qualitätsbewusst. Das Leben auf dem Lande, „der Natur sehr nah, dem Leben noch näher“ (Tchen Chiyao), hat den Vorteil, dass das Material für die Bildhauerei sozusagen direkt vor der Haustür liegt. Äste für Tchen,  Holz für Zygel, Brennholz, Sand und außerdem dazugekauft Pappmaché, Zement, Leinwand. Im Atelier bewahrt Georges Zygel eine große Kiste auf, in der er alte Fundstücke aus Eisen sammelt, verroste Haken, Griffe, Stangen, etc. Beim Konstruieren einer Figur braucht er dann nur noch spielerisch in seinen Fundus zu greifen.
 
Das Ganze nennen die beiden dann selbstironisch „fabrication maison“ (etwa: Hausmacher Art).

Tchen Chiyao ist Philosoph, Poet und Künstler, Maler und Bildhauer. Seine Titel und die Geschichten, die er zu seinen Arbeiten erzählt, sind sehr poetisch, anknüpfend an die uralte, hoch stehende chinesische Literatur und beinhalten immer Fragen nach den zutiefst menschlichen Inhalten wie Werden und Vergehen, Hölle und Paradies, Verletzung und Heilung.
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In der Natur findet er seine Hauptmaterialien, die Äste. Davon geht alles Weitere aus. Man findet sie in seiner Arbeit in allen Variationen, von sehr dick bis sehr dünn, jedes Mal in irgendeiner Form bearbeitet bzw. eingepasst in verschiedene Umfelder. Immer sind diese Äste mit farbiger Leinwand umwickelt. Das erinnert an Verwundete mit verbundenen Gliedmaßen, die durch den liebevoll-professionellen Verband bald wieder  heilen sollen. Den abgetrennten Ästen allerdings ist nicht mehr zu helfen, eine Heilung ist nicht möglich, obwohl Tchen Chiyao das so gerne möchte: die von Menschen misshandelte Natur wieder ins Gleichgewicht zu bringen.
Die Arbeit mit dem Titel „Die Gespenster der niedergemetzelten Pflaumenbäume tanzen“, und Tchen fährt fort, „um für die Tränen des Mitleids zu danken.“ könnte dies nicht besser illustrieren, ebenso wie die Installation am Eingang  „Nackte Bäume“ oder „Rot und Schwarz – verbrannte Äste“.

„Nackte Bäume“ besteht aus Plastiken und Leinwänden, in die Material eingefügt ist, hier Zement, vermischt mit der Acrylfarbe. Zweierlei Assoziationen kommen sofort: Natur im Schlaf des grausamen Winters, oft genug in der Literatur besungen, kein grünes Blatt, keine Hoffnung, Änderung erst nach langem Warten. Jedes Mal wieder das Wunder, dass aus einem scheinbar völlig abgestorbenen Ast wieder neues Leben entsteht. Aber auch die unabänderliche Zerstörung der Natur durch Waldbrände, Chemieunfälle oder Flugzeugabstürze. Der mündige Betrachter entscheidet selbst.

Die Verletzung der Umwelt durch den Menschen, das Abholzen des Regenwaldes und des Waldes, die immer weiter fortschreitende Versiegelung von Erdflächen  ist Tchen Chiyaos Thema, die Umwelt, deren wir uns gnadenlos bedienen, ohne nachzudenken, was diese Rücksichtslosigkeit für uns und unsere Nachfahren bedeutet. Der dumme, hochnäsige Mensch glaubt doch tatsächlich, er sei klüger als die unendlich weise Natur...

Der Ast wird bei Tchen Chiyao zur Chiffre einer Figur, eines Menschen. Leinwand und Figur, der umwickelte Ast, sind die beiden Pole, um die sich Tchen Chiyaos Formgebung dreht.

Am besten ist das bei den beiden großen hängenden Ästen im Foyer nachzuvollziehen. Aber auch z.B. bei der Abfolge kleiner Kästen mit dem Titel „Der Poet, die Kurtisane, ein Schicksal“. Poet und Kurtisane manifestieren sich völlig abstrahiert in farbig umwickelten Ästen, die abwechselnd vor den schwarzen, angedeuteten Vorhang treten. Die Erzählung aus dem alten China, die dieser Bildabfolge zugrunde liegt, hat Tchen Chiyao sehr berührt:

Der Dichter, gleichzeitig auch ein hoher Minister, ist abgetreten. Auf der Rückreise in sein Land hört er eine Musik. Beim Näher kommen erscheint eine Kurtisane, eine Geisha mit ihrer Pipa, einem speziellen Musikinstrument, hinter einem Vorhang (Geishas waren hochgebildete, nicht käufliche Frauen, die Männer von Welt intelligent unterhielten, trotzdem in der Gesellschaft ganz unten rangierten). Mit ihrer Musik erzählt die Geisha ihr Schicksal, das dem des Dichters gleicht, in all seinen Höhen und Tiefen, als begehrte und als weggeworfene Frau mit all ihren Verletzungen und Verwundungen. Und obwohl der Dichter eine hoch stehende Gesellschaftsperson ist, bleibt er in seinem Leben nicht vor dem Absturz bewahrt. Diese Geschichte berührte Chen Chiyao persönlich zutiefst, weil er in ihr auch Verbindungen zu seinem eigenen Leben sieht. Wer als Betrachter in sich geht, stellt fest, dass das auch für ihn selbst in der ein oder anderen Form gilt.

Die drei morbiden „Kästen“ mit den dick umwickelten kurzen Stäben erinnern an Szenarien mit Gehenkten, an Misshandelte, Gefangene. Sie wecken schreckliche Assoziationen. Weniger dramatisch gedacht, wären sie Sinnbilder des Menschen, der an seidenen Fäden hängt oder geführt wird, unfrei in seinem Handeln und seiner Bewegung, sozusagen als kopflose Marionetten.

Formal sind die umwickelten Äste nichts anderes als die Aufwicklung einer planen, bemalten  Leinwand des Malers um einen Holzkern, d.h., die Leinwand geht durch das Hilfsmittel Ast ins Dreidimensionale, Skulpturale, denn Tchen Chiyao ist auch Maler. Leider ließen der kleine Transporter aus dem fernen Paris nur wenige Großformate zu, zwei mittelgroße immerhin gibt es zu sehen, mit den Titeln „Anderswo – zwischen Paradies und Hölle“ und „Spur“. Diese farblich sehr delikaten Arbeiten stehen dem abstract painting oder der Heftigen Malerei nahe, schnell gemalt, mit ausladenden Gesten, aber manchmal auch schwer umkämpft, wieder weggestellt, erneut bearbeitet, dann endlich zufrieden. Wann dieser Punkt sein wird, lässt sich nicht genau vorherbestimmen, er passiert Tchen Chiyao. Wenn man unbedingt muss, kann man das Gemälde „Spur“ auch gegenständlich lesen, als Stadtplan etwa, oder als Labyrinth, in dem jemand – der Künstler – seine Spuren hinterlassen hat.

Wie Tchen Chiyao thematisiert Georges Zygel die verletzte Natur. Mit viel Humor und tiefem Verständnis für das allzu Menschliche gesegnet, in Maßen spöttisch-ironisch, behandelt er seine Tier-Skulpturen als Personen, auf die er menschliche Züge überträgt. Gerne lässt Zygel den Betrachter im Unklaren, um was es sich im einzelnen handelt, um Fabelwesen, um Phantasiegebilde, um... Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Aber ein wenig schmunzeln darf der Betrachter allemal.

Witzig, doch nicht ohne Boshaftigkeit ist das Pärchen „Der Teppichhändler und seine Frau“ oder müsste man „Frauchen“ sagen? Er schleppt den Teppich auf dem Rücken, sie schaut untertänigst zu ihm auf, Abbild einer konventionellen Ehe? Unwillkürlich muss man schmunzeln. Zu bemerken wäre hier, dass Zygel ein Stück Leinwand um ein Stück Holz collagiert, Anklänge an Tchen stellen sich ein. Zygel bleibt mit seinem „Leinwand-Teppich“ im Gegenständlichen, während Tchen abstrahiert. Ganz klar ist die Interpretation der schwarzen Spinne. Sie flößt den meisten Menschen Angst ein, – zumal in dieser Größe. Warum nur? Sie gehört zu den ca. 34.000 Arten von Spinnen, die es ungefähr auf dieser Welt gibt.  Jeder weiß, wie nützlich und wichtig sie für das Gleichgewicht in der Natur sind, und doch töten die meisten eine Spinne sofort. Dabei webt sie  klug, geduldig und ästhetisch ansprechend ihr schönes Netz, um uns die Mücken und Fliegen vom Leib zu halten. Sie webt fleißig Faden für Faden, dem Menschen nicht unähnlich, der in gleicher Weise vorgeht. Z.B. häuft er Wissen auf Wissen, macht Erfahrung um Erfahrung und Anstrengungen noch und noch, um mit seinem Netz in der Welt zu bestehen. Spinne und Mensch sind sich also ähnlich?! Man darf, man sollte darüber nachdenken.

Auch die Karawane der vielen kleinen Krabbeltierchen im Eingang flößt auf den ersten Blick ein bisschen Widerwillen ein und weckt in ihrer Massenhaftigkeit unangenehme Assoziationen (Heuschrecken? Kakerlaken? Schlimmeres?). Betrachtet man jedes Teil aber einzeln, erscheint es ganz possierlich mit  Knopfaugen, einem kleinen „Gag“ wie: ein Schloss oder ein volles, sinnliches, rotes Lippenpaar auf dem Rücken, sonstigen männlichen und weiblichen Attributen und farbiger, wunderbar malerischer Zeichnung auf dem Körper, der Natur nachempfunden. Ein Teil hat lange Tentakel wie die Kakerlaken, der andere lange dünne Schwänze wie die Ratten. Jedes ist anders und besonders, jedes ist schön, jedes ein Individuum, das, wenn es in der Masse aufgeht, plötzlich unheimlich wird. Verhält es sich mit Menschenmassen nicht genauso? Außerdem, was maßen sich die Menschen eigentlich an? Vielleicht finden die Tiere uns Menschen umgekehrt genauso grässlich (Angst haben sie sowieso vor uns), und wir merken es aufgrund einer anderen Wahrnehmungsebene nur nicht? Wie uns andere Religionen lehren, existieren viele verschiedene Ebenen. Die unsere ist mit Sicherheit nicht die einzig Richtige. Wiederum: Man darf, man sollte darüber nachdenken.

Ähnlich witzig die „Bête baguette“, ein kleines Wortspiel. Das „wilde Tier“ ist aus einem Stück Holz, dem baguette (danach heißt das Brot baguette, und nicht umgekehrt). Auch hier wieder ein Stück collagierte Leinwand, diesmal jedoch ganz um den Leib geschlungen,  und als zusätzlicher typischer Zygelscher Materialmix Eisen und Glasaugen.

In der Installation mit Früchten bzw. Gemüsen wechselt der Materialmix zwischen Holz, Eisen und Pappmaché. Ausgehend von der Form eines Kürbisses spielt Zygel mit der mehr oder weniger abstrahierten Frucht, feststehend auf der Erde oder hängend im Himmel. Beides kann der Betrachter gleichzeitig haben, als Konversation zwischen Mensch auf der Erde und Gott im Himmel, zwischen Erreichbarem und Unerreichbarem.

Wie man leicht merken kann, ist Tchen Chyiao der Ernstere, Philosophischere. Entspannung findet er in seinen abstrakten Gemälden. Georges Zygel würzt das Ganze mit einer herzhaften Prise Humor und Schalkhaftigkeit. So ergänzen sich die beiden Künstler wunderbar.

Dr. Ulrika Evers
10.5. 2003