In der Natur findet er seine Hauptmaterialien, die Äste. Davon geht alles Weitere aus. Man findet sie in seiner Arbeit in allen Variationen, von sehr dick bis sehr dünn, jedes Mal in irgendeiner Form bearbeitet bzw. eingepasst in verschiedene Umfelder. Immer sind diese Äste mit farbiger Leinwand umwickelt. Das erinnert an Verwundete mit verbundenen Gliedmaßen, die durch den liebevoll-professionellen Verband bald wieder heilen sollen. Den abgetrennten Ästen allerdings ist nicht mehr zu helfen, eine Heilung ist nicht möglich, obwohl Tchen Chiyao das so gerne möchte: die von Menschen misshandelte Natur wieder ins Gleichgewicht zu bringen.
Die Arbeit mit dem Titel „Die Gespenster der niedergemetzelten Pflaumenbäume tanzen“, und Tchen fährt fort, „um für die Tränen des Mitleids zu danken.“ könnte dies nicht besser illustrieren, ebenso wie die Installation am Eingang „Nackte Bäume“ oder „Rot und Schwarz – verbrannte Äste“.
„Nackte Bäume“ besteht aus Plastiken und Leinwänden, in die Material eingefügt ist, hier Zement, vermischt mit der Acrylfarbe. Zweierlei Assoziationen kommen sofort: Natur im Schlaf des grausamen Winters, oft genug in der Literatur besungen, kein grünes Blatt, keine Hoffnung, Änderung erst nach langem Warten. Jedes Mal wieder das Wunder, dass aus einem scheinbar völlig abgestorbenen Ast wieder neues Leben entsteht. Aber auch die unabänderliche Zerstörung der Natur durch Waldbrände, Chemieunfälle oder Flugzeugabstürze. Der mündige Betrachter entscheidet selbst.
Die Verletzung der Umwelt durch den Menschen, das Abholzen des Regenwaldes und des Waldes, die immer weiter fortschreitende Versiegelung von Erdflächen ist Tchen Chiyaos Thema, die Umwelt, deren wir uns gnadenlos bedienen, ohne nachzudenken, was diese Rücksichtslosigkeit für uns und unsere Nachfahren bedeutet. Der dumme, hochnäsige Mensch glaubt doch tatsächlich, er sei klüger als die unendlich weise Natur...
Der Ast wird bei Tchen Chiyao zur Chiffre einer Figur, eines Menschen. Leinwand und Figur, der umwickelte Ast, sind die beiden Pole, um die sich Tchen Chiyaos Formgebung dreht.
Am besten ist das bei den beiden großen hängenden Ästen im Foyer nachzuvollziehen. Aber auch z.B. bei der Abfolge kleiner Kästen mit dem Titel „Der Poet, die Kurtisane, ein Schicksal“. Poet und Kurtisane manifestieren sich völlig abstrahiert in farbig umwickelten Ästen, die abwechselnd vor den schwarzen, angedeuteten Vorhang treten. Die Erzählung aus dem alten China, die dieser Bildabfolge zugrunde liegt, hat Tchen Chiyao sehr berührt:
Der Dichter, gleichzeitig auch ein hoher Minister, ist abgetreten. Auf der Rückreise in sein Land hört er eine Musik. Beim Näher kommen erscheint eine Kurtisane, eine Geisha mit ihrer Pipa, einem speziellen Musikinstrument, hinter einem Vorhang (Geishas waren hochgebildete, nicht käufliche Frauen, die Männer von Welt intelligent unterhielten, trotzdem in der Gesellschaft ganz unten rangierten). Mit ihrer Musik erzählt die Geisha ihr Schicksal, das dem des Dichters gleicht, in all seinen Höhen und Tiefen, als begehrte und als weggeworfene Frau mit all ihren Verletzungen und Verwundungen. Und obwohl der Dichter eine hoch stehende Gesellschaftsperson ist, bleibt er in seinem Leben nicht vor dem Absturz bewahrt. Diese Geschichte berührte Chen Chiyao persönlich zutiefst, weil er in ihr auch Verbindungen zu seinem eigenen Leben sieht. Wer als Betrachter in sich geht, stellt fest, dass das auch für ihn selbst in der ein oder anderen Form gilt.
Die drei morbiden „Kästen“ mit den dick umwickelten kurzen Stäben erinnern an Szenarien mit Gehenkten, an Misshandelte, Gefangene. Sie wecken schreckliche Assoziationen. Weniger dramatisch gedacht, wären sie Sinnbilder des Menschen, der an seidenen Fäden hängt oder geführt wird, unfrei in seinem Handeln und seiner Bewegung, sozusagen als kopflose Marionetten.
Formal sind die umwickelten Äste nichts anderes als die Aufwicklung einer planen, bemalten Leinwand des Malers um einen Holzkern, d.h., die Leinwand geht durch das Hilfsmittel Ast ins Dreidimensionale, Skulpturale, denn Tchen Chiyao ist auch Maler. Leider ließen der kleine Transporter aus dem fernen Paris nur wenige Großformate zu, zwei mittelgroße immerhin gibt es zu sehen, mit den Titeln „Anderswo – zwischen Paradies und Hölle“ und „Spur“. Diese farblich sehr delikaten Arbeiten stehen dem abstract painting oder der Heftigen Malerei nahe, schnell gemalt, mit ausladenden Gesten, aber manchmal auch schwer umkämpft, wieder weggestellt, erneut bearbeitet, dann endlich zufrieden. Wann dieser Punkt sein wird, lässt sich nicht genau vorherbestimmen, er passiert Tchen Chiyao. Wenn man unbedingt muss, kann man das Gemälde „Spur“ auch gegenständlich lesen, als Stadtplan etwa, oder als Labyrinth, in dem jemand – der Künstler – seine Spuren hinterlassen hat.