Charlotte Vögele
Hüllen – Häute – Hybriden
30.3. – 4.5. 2008
In den schönen Räumen des Rosenmuseums Bad Nauheim machte ich erste Bekanntschaft mit den fragilen, traumhaften Gebilden von Charlotte Vögele und entschloss mich spontan, sie in Peine zu zeigen. Zu gut hätte in der Peiner Ausstellung „Hochzeitskleider aus Peiner Museumsbesitz“ Charlotte Vögeles damals in Bad Nauheim ausgestelltes Hochzeitskleid gepasst, um die BesucherInnen ein wenig ins Nachsinnen zu bringen: Vom schönen Schein und der Romantik weg zu psychologischen Dimensionen. Und damit sind wir mittendrin in der inhaltlichen Ausdeutung der hier vorgestellten Arbeiten.
Das Kleid mit dem beziehungsreichen Titel „Belle du Jour“ besteht aus durchsichtigen Folien von Abfalltüten, auf Modenschauen der Haute Couture beliebtes Material. Charlotte Vögele aber kombiniert das Industriematerial mit etwas aus der Natur: Die Brustwarzen dieses Brautkleides sind mit Akaziendornen betont. Dazu passen high heels, über und über mit Rosendornen besetzt, auch auf den Innensohlen, mit dem Titel „Schönheit muss leiden“. An ein Märchen erinnert fühlte sich die Betrachterin, in dem böse Stiefmütter, blutige Schuhe, glühende Kohlen oder Aschenputtel-Mädchen und Kräutchen-rührmich-nicht-an die Hauptrolle spielen. Aber auch der ganz normale Schönheitswahn, der Frauen auf gefährlich hohen high heels, auf „Stehschuhen“ also, absturzgefährdet balancieren lässt, ist Thema. Einerseits eröffnet sich mit diesem Ensemble ein romanhafter Kosmos mit träumerischem Widerhall, andererseits stechen die Dornen-Brustwarzen aggressiv abwehrbereit hervor, Deutung offen: Verteidigung der Jungfräulichkeit bis zur Hochzeitsnacht! Verweigerung, no sex at all, sonst drohen schmerzende Wunden. Oder Eheschließung als Verletzung – die vielen Scheidungen beweisen das doch, oder? Die Deutung bleibt offen.
Frauen und ihre Schuhe sind ein besonderes Thema in Charlotte Vögeles Arbeit, darüber ließe sich eine eigene Abhandlung schreiben. Viele Frauen sind bekennende Schuhfetischistinnen und bringen Männer damit gern zur Verzweiflung. Schuhe passen immer, auch wenn die Frau Figurprobleme hat. Was sie auswählt, lässt tiefergreifende Aussagen zu ihrem Charakter und ihrer Befindlichkeit zu: Birkenstock contra high heels! Nur die Dornenschuhe scheinen nicht tragbar zu sein, die anderen aus Birkenrinde oder Lunaria sehen aus wie von einem superedlen Schuhmacher gemacht. Tatsächlich fertigt Charlotte Vögele sie nach einem Modellschuh aus Leder, mehrere empfindliche Materialschichten werden übereinander gelegt, teuer und hoch empfindlich, einzigartig, vielleicht nur tragbar für einen Tag, der Traum einer jeden Frau, um dann als „die zertanzten Schuhe“ in den Müll geworfen zu werden.
Aber halt! Um tragfähige, „funktionierende“ Objekte geht es hier in keinem einzigen Fall! Die Schuhe und Mäntel und Kleider und Tops sind aus ihrer Gebrauchstüchtigkeit herausgelöst und verweigern sich dem Üblichen. Charlotte Vögele stellt vorgefundene Materialien durch ihre Montage, durch Nähen, Weben oder Applizieren auf Pappmaché, Schneiderbüsten oder Drahtverspannungen in einen neuen, vielschichtigen Sinnzusammenhang, zeigt sie uns in einer Verkleidung. Eine spielerische Verfremdung stört unsere Wahrnehmungsgewohnheiten. Rosendornenkissen lassen uns nicht zur Ruhe kommen, unseren Kopf können wir darauf nicht betten. Ob wir uns diese Nacht wieder so schlaflos im Bett herumwälzen werden als schliefen wir auf einem dieser Dornenkissen?! Weitere, eigene Assoziationen sind erlaubt.
Die Löwenzahn-Schalen im Foyer stellen unsere Sehgewohnheiten auf den Kopf, harte Schalen wirken weich und kuschelig, fast wie aufgeschnittene Samenkapseln. Ein faszinierender und poetischer Schwebezustand, der den Objekten eine eigene Aura verleiht, kommt zum Ausdruck. Die BetrachterIn tritt in einen Dialog mit ihnen, um seine eigenen Erfahrungen und vor allem seine Fantasie einzubringen. Die Natur verschmilzt scheinbar mit der Kunst. Die Verfremdung hat die Vielschichtigkeit der Dinge sichtbar gemacht. Denn Charlotte Vögele stellt sich und uns die große Frage, „ob die Dinge immer das sind, was sie zu sein vorgeben?“
Wunderbare, sinnliche Materialien – gefunden und genommen aus der Natur – sind die Spezialität von Charlotte Vögele. Aufgewachsen in einer Gärtnerei in Oberschwaben, begann sie schon mit 15 Jahren eine Ausbildung als Gärtnerin und Floristin, studierte sie an der Fachschule für Blumenkunst in Freising-Weihenstephan/Bayern, an der sie heute stellvertretende Schulleiterin ist, nicht ohne einen vierjährigen Arbeitsaufenthalt in Bozen/Italien und eine Ausbildung zur Fachlehrerin mit nachfolgendem Lehrauftrag. Die künstlerische Arbeit ergab sich einfach so, im stetigen Tun und Nachdenken, zahlreiche Ausstellungen, z.B. im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg, im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg oder im Haus der Kunst, München, folgten und auch ein Künstlerporträt im Bayrischen Fernsehen. In Hannover war sie in der Ausstellung „Accessoires“ der Handwerkskammer dabei.
Sie, die mit der Natur groß geworden ist, beschäftigt sich schon lange mit dem, was in der Natur so abfällt, vom Baum, vom Strauch, von den Wiesen, „Natur-Abfall“, der üblicherweise z.B. von Gartenbesitzern achtlos auf den Kompost geworfen oder stöhnend weggekehrt wird. Sie merken gar nicht, was sie an Schönheit verpassen, wie formvollendet und einzigartig die Natur alles gebildet hat. Da müssen sich Künstler und auch Wissenschaftler sehr anstrengen, um solche Materialien künstlich herzustellen. Charlotte Vögele findet sie einfach, der Prozess des Findens ist bereits Teil ihrer künstlerischen Arbeit. Sie hat „immer in diesem Zyklus von Säen, Hegen, Pflegen und Ernten gelebt.“ Sie spricht davon, dass sie „auf ihre Felder“ gehe, sie spricht von „Ernte“ und davon, dass „sie immer wisse, was gerade reif sei“, obwohl es doch nie um Früchte geht, sondern um Seegras, Birkenrinde, Piniennadeln, Akaziendornen, Rosenstacheln. Mit geschultem Auge streift sie zu fast allen Jahreszeiten durch die Natur, immer auf der Suche nach dem, was gerade „geerntet“ werden kann: Blätter, z.B. Ahornblattfilz, der sich durch zufällige Kompostierung auf einem Flachdach bildete. Wie eine Zauberin experimentiert die Künstlerin mit den Materialien, die oft ihre Eigenwilligkeit behalten, auf die sie eingehen muss.
Faszinieren uns diese Arbeiten deshalb so, weil wir uns an unsere Kinderzeit erinnern, als wir auch so einfache Dinge wie Steine, Muscheln oder Vogelnester sammelten, sie dann aber meistens aus unserer Erwachsenenwelt verbannten? Künstler dürfen sich nostalgisch geben, uns unsere kindliche Ursprünglichkeit vor Augen führen und daraus etwas machen, was uns trifft.
Charlotte Vögele macht sich die Natur untertan, aber mit großem Respekt vor dem Charakter des Vorgefundenen und in einem meditativen Prozess des langsamen sich Annäherns.
Der Buchenblatt-Teppich im Foyer ist so ein Fall, die Abschlussarbeit ihres Studiums, mit der für sie etwas völlig Neues begann. Er ist auf Rupfen aufgenäht, Blatt für Blatt. In langen Versuchsreihen hatte sie herausgefunden, „dass sich kein Laub so gut mit der Maschine nähen lässt wie das der Rotbuche – allerdings nur, wenn es noch feucht, glatt und von lederartiger Konsistenz ist. Das bedeutet Anpassung an die Vorgaben der Natur: frisch gefallene Buchenblätter sammeln und dann nächtelang zügig auf Rupfen nähen, bevor sich die Ränder einrollen und womöglich brechen, Blatt an Blatt, tausendfach.“ (Ch.Vögele)
Buchenblätter haben eine Schatten- und eine Sonnenseite, mattbraun wechselt mit dunkelbraun, eine malerisch bewegte Oberfläche entsteht durch Linien und Strukturen. Ein bisschen widersetzt sich auch das Material der Näherin, dehnt sich eigenwillig und fordert ihre besondere Reaktion heraus. Es ist auch nicht egal, wann die Buchenblätter zusammen gesammelt werden, der richtige Zeitpunkt muss genau abgewartet werden. Erinnern wir uns nicht alle gern daran, wie wir als Kinder im Knie hohen Herbstlaub herumgetobt sind, auch, wenn die Mutter das nicht so gerne sah, an den wunderbar erdigen Duft der tieferen Schicht, die wir aufwirbelten – diese Erinnerung ist es, die Charlotte Vögele mit ihrer Kunst hervorzaubern kann.
Wunderbare Gewänder sind zu sehen, ein Mantel aus Seegras, der wie ein Schamanenmantel aus einer anderen Welt wirkt, und das Lunaria-Kleid „Der Traum vom Fliegen“, das durch die Beleuchtung goldfarben erstrahlt und sich ebenso wie das Hochzeitskleid für eine schöne, zarte Braut, für einen Engel, eignet. Eine Assoziation an die Brautkleider aus Fallschirmseide, wie die Frauen sie im 2. Weltkrieg einfallsreich nähten, als es nichts anderes gab, stellt sich ein.
Die Gruppe der 5 „Hybriden“ erinnern uns an kopflose Frauen oder Modellentwürfe
hochrangiger, eleganter Pariser Couturiers, die am Modell eben mal die Stoffbahn des Rockes elegant zusammenstecken und dies auch so zeichnen, feminine Fantasiewesen, die allerdings plötzlich sehr real werden, betrachtet man die bestrickend weiblich ausladenden Hüften oder
Hinterteile. Nicht von ungefähr wählt Charlotte Vögele hier einen Begriff aus der Floristik, der Naturwissenschaft.
Hybriden kennen wir im autobegeisterten Niedersachen eher als Hybrid-Autos, die beides, Benzin und Gas, tanken können. „Unter einer Hybride, auch Artbastard genannt, versteht man im naturwissenschaftlichen Sprachgebrauch ein Lebewesen, das durch Kreuzung von Eltern unterschiedlicher Zuchtlinien, Rassen oder Arten hervorgegangen ist. Hybriden werden – ohne die umgangssprachlich damit verbundene Wertung – auch als Mischlinge oder Bastarde bezeichnet.“ (Wikipedia)
Und das sind diese Objekte: Eine Mischung aus Fantasie und Modell und Abbildung von Weiblichkeit per se.
Welche wunderbaren Wesen – und Frauen sind solche wunderbaren Wesen – könnten all diese Kleidung tragen? Sage mir, welches Gewand Du wählst, und ich sage Dir, wer Du bist!
Wir dürfen weiterträumen.
Dr. Ulrika Evers
Kreismuseum Peine
Museum für Alltagskultur
29.3. 2008 |