Bilder von Horst Schmidt im Kreismuseum

20.11. 2005 – 29.1. 2006

Horst Schmidts Arbeiten sind auf den ersten Blick augenschmeichlerisch und handwerklich unendlich versiert. Beschäftigt man sich jedoch als Betrachter eingehender mit seiner Malerei, wird schnell deutlich, wie viel im wahrsten Sinne des Wortes „dahinter“ liegt und wie „echt“ alles ist.
Wir sehen in der Hauptsache Stilleben, aber auch Stilleben, die mit Landschaften kombiniert sind (oder umgekehrt).

Man könnte die Ausstellung auch „Horst, seine Malerfreunde und Selbst“ nennen.

Zuerst einmal fallen dem gebildeten Ausstellungsbesucher die vielen kunstgeschichtlichen Zitate, aber auch Selbstzitate, ins Auge, die Schmidt sehr bewusst einsetzt, - da ist er ganz studierter Kunstlehrer. Und der Laie freut sich, dass er etwas weiß.

Fangen wir gleich unten im Foyer mit den Stilleben vor italienischen Landschaften an. Schmidt nennt sie einfach „Kennst Du das Land? I-IV“, - wir dürfen kontrollieren, was wir aus der Kunstgeschichte behalten haben und ergänzen, „wo  die  Zitronen blühen“. Damit ist gleich klar, wo Schmidts Vorlieben liegen: in Italien. Die Bilder sind aber nun keinesfalls direkt vor der Landschaft gemalt, sondern nach Eindrücken zu Hause vor der Staffelei, also eher Anmutungen als Wirklichkeit. – Und was Wirklichkeit im Werk von Schmidt bedeutet, darauf komme ich noch zu sprechen.

Bild Nr. (36) I reflektiert eine Stadtlandschaft des Italieners Piero della Francesca aus der Provinz Arezzo. Schmidt hat dessen Geburtsort Borgo San Sepolcro nachgebildet. Dem großen Frührenaissancemaler, der einer der genialsten Vertreter der perspektivischen Darstellung und der Raummetrik war, die auf mathematischer Klarheit fußte, gilt Schmidts ganze Bewunderung. Francesca beeinflusste Mantegna und später sogar Raffael. Seine eigene Note setzt Schmidt mit seinem Früchtestilleben in typisch italienischer Keramik und der mehr oder minder vollen Flasche Wein, die zu Italien einfach dazu gehört.

Die nächsten beiden Bilder (Nr. II und III) beziehen sich mit dem kleinen Stilleben im Vordergrund auf Alexander Kanoldt, dem Maler der Neuen Sachlichkeit und Mitglied der Neuen Künstlervereinigung in München, von dem auch mehrere Gemälde im Sprengel-Museum Hannover hängen. Kanoldt weilte gern in Olevano, das Schmidt hier ebenfalls zitiert.  Schmidt hat Kanoldts berühmten Kaktus  bzw. Gummibaum in eine Agave umgemünzt und so auf seine Weise interpretiert. Auch Schmidt kann in seinen Bildern eine übernatürliche Ruhe und stille Melancholie erzeugen, die bis hin zur Erstarrung und Vereinsamung geht. Nr. IV führt uns den Dom von Siena vor Augen.

Nr. 35, „Stilleben mit Scamozzi-Villa“, zeigt die Villa eines Palladio-Schülers, mit einem schönen Stilleben im Vordergrund, der immer wieder kehrenden mehr oder weniger vollen Flasche Wein und verschiedenen Südfrüchten wie Granatapfel, Zitronen, Limonen, Mandarinen.

Besonders liebt Schmidt Selbstzitate, wie  mehre Bilder, vor allem aber Nr. 41 (im Eingang) zeigt. Wer die Wohnung von Horst Schmidt im schönen Marienthaler Kloster kennt, weiß, dass dort in den sorgsamen Inszenierungen der zahlreichen Sammelobjekte wie Flaschen, Krüge, Gläser, Kästchen etc. bereits der Anreiz, der Malanlass, für Schmidts Malerei angelegt ist, denn diese alten Bekannten tauchen in seinen Bildern immer wieder auf. Bevor er anfängt zu malen, baut er sich seine Stilleben sorgfältig auf, rückt hier und dort etwas zurecht, bis er zufrieden ist. Erst dann kann er mit dem Malen anfangen, langsam und bedächtig, an verschiedenen Bildern manchmal gleichzeitig, so dass alles im Fluss bleibt und sich verändert. Oft kann ein Bild auch noch nachträglich vollkommen verändert werden. Schmidt sagt von sich selbst, er sei „faul“, er setze sich nicht so ein Malpensum von 8-12 Uhr, aber er male schon täglich. Es muss noch die Lust am Malen erhalten bleiben. Und natürlich ist er fleißig.

Nr. 41 „Selbstzitate“ im Eingang des Foyers zeigt das schöne Biedermeier-Sofa mit Tisch in seiner Wohnung, auf dem einige Gegenstände zur Inszenierung auf der Bildfläche bereit stehen, die rote Paprika z.B., das Kästchen, die goldene zylinderförmige Vase. Darüber ins Bild eingepasst, sechs seiner eigenen Bilder, deren Fotos er so genial in seine Malerei integriert hat, dass man es als Betrachter nicht auf den ersten Blick merkt. Zu diesen collagierten Fotos merkt er ironisch an, dass er zu faul war, die eigenen Bilder noch einmal zu malen und außerdem: Man müsse sich als Maler selbst lieben, sich wichtig genug nehmen, um für sich selbst zitierfähig zu werden. So, wie ein jeder sich selbst morgens im Spiegel gut finden und sich freundlich einen guten Tag wünschen sollte.

Auf den eincollagierten Bildern von Nr. 41 sieht man wiederum geliebte Objekte, die sich in der Wohnung verteilen, wie das immer wiederkehrende Holzkästchen, ein Foto des Braunschweiger Immerward-Kreuzes (im Dom), eine farbige Postkarte von Giorgio Morandi (vgl. dazu das Stilleben Nr. 19), ein Katalog des Malers Bernhard Dörries, der mit Otto Gleichmann in den 1930er Jahren zur Hannoverschen Sezession gehörte.

Kataloge oder Bilder von Künstlern also, die Schmidt schätzt, in seine Bilder zu integrieren, sozusagen als Hommage, ist eins seiner wiederkehrenden Motive. Gleichzeitig ließe sich eine Lektion in Kunstgeschichte nur anhand der zitierten Künstler erteilen. Kennen wir sie? Erraten wir sie? Ein bisschen Rätselraten rund um die Bildung ist ganz schön.

Die Postkarte von Giorgio Morandi weist auf einen seiner Lieblinge hin, sein alter ego sozusagen. Der italienische Maler war ein absoluter Einzelgänger und verließ seine Heimatstadt Bologna nur ganz selten. Er malte zurückgezogen in seinem Atelier, wo er sich mit den immer gleichen Gegenständen beschäftigte, die er in seinen entrückten, eigentümlich schwebenden Stilleben in immer neuen Kompositionen darstellte. Kommen uns da nicht einige Assoziationen? Einen kleinen stilistischen Ausflug machte Morandi – und auch darin folgt ihm Schmidt, höchstens in die metaphysische Malerei de Chiricos und Carrás sowie in den Futurismus und Kubismus.

Nr. 19 („Fünf Objekte“) variiert Morandis Stilleben, Nr. 17 spielt auf die Pittura Metafisica eines Chirico an (im Hintergrund eine typische Chirico-Architektur).

Oben  in Nr. 11 (Für Thilo) hat Schmidt ein Bild des Braunschweiger Künstlers Thilo Maatsch eingearbeitet, der 1983 in Königslutter verstarb und nach dem dort eine Sonderschule benannt ist, ein Maler der konkreten Kunst, der den Malern des Bauhauses sehr nahe stand. Ihn empfindet Schmidt vielleicht als Gegenpol zu seiner gegenständlichen Malerei, so dass ein angenehmes  Spannungsverhältnis entsteht, aus dem Neues erwächst. Das Foto von Thilos Bild hat Schmidt mit einem beigen Klebeband so täuschend „echt“ aufgeklebt, dass man einmal anfassen möchte, um es ein bisschen abzuziehen. Das geht aber nun gar nicht, - denn es ist gemalt! Schmidt arbeitet hier wie in den anderen Bildern auch mit dem barocken Stilmittel des trompe l'oeul, auf das man als Betrachter nur zu gerne immer wieder hereinfällt. Zur konkreten Malerei des Thilo Maatsch passt der Rietveld-Stuhl, ein Modell des Vitra-Design-Museums in Weil am Rhein. Und natürlich darf der diesmal französische Wein nicht fehlen.

Und so ist in fast jedes Bild ein Zitat integriert. Kurt Schwitters z.B. kommt vor in Nr. 14 und 15. Nr. 14 zeigt – wie wir es schon kennen – einen Schwitters-Katalog, dazu die zerknüllte Eintrittskarte, das Anna-Kästchen und ein paar weitere Objek te, mit denen Schwitters in seinen Assemblagen arbeitet. Das Kästchen war einer Frau namens Anna gewidmet, der er in seinem berühmten Gedicht „Anna Blume“ ein Denkmal gesetzt hat, die es aber in seinem Leben gar nicht gab. Horst Schmidt lieh sich das Kästchen aus, um es für einen Freund namens Erich auf Wunsch dessen Frau nachzubauen. Und darum heißt das Kästchen auf dem Bild das „Erich-Kästchen“.

In Nr. 15 „MAERZBILD“ hat Schmidt wiederum ein Foto einer der Schwitters- Assemblagen auf den Bildgrund collagiert. Mit dem Merzbau, der im Sprengel-Museum Hannover nachgebaut wurde, ist Schwitters berühmt geworden.

Bauhaus-Zitate mit Kegel, Kugel, Zylinder finden sich in Nr. 12 und 13.

So wie die Zitate aus der Kunstgeschichte spielen die Täuschungsmanöver mit dem trompe l'oeul-Effekt eine tragende Rolle, bei jedem Bild. Man fragt sich unwillkürlich, was ist wirklich? Was ist die Wirklichkeit? Nr. 9 („Objekte im Kasten“) erscheint so täuschend „echt“, dass man ins Regal fassen möchte, um ein Objekt heraus zu greifen. Selbst der nach innen zielende Rahmen verstärkt diese Tiefenräumlichkeit, die von der zweidimensionalen Bildfläche ablenkt.

 

Der Künstler spricht von René Magritte (den er ebenfalls in seinem Zitatenschatz hat, Nr. 8), der sich über Betrachter amüsierte, die meinten, seine (gemalte) Pfeife sehe so täuschend echt aus, als könne man sie gleich nehmen und stopfen. Magritte meinte, das solle man doch einmal versuchen.

Man wird feststellen, dass die Wirklichkeit und die gemalte Wirklichkeit verschiedene Dinge sind, über dies sich wunderbar philosophieren lässt. Magritte schrieb über sein Bild einer Pfeife absichtsvoll „Dies ist keine Pfeife“ und amüsierte sich ein wenig über den naiven Betrachter.
Dr. Ulrika Evers
Kreismuseum Peine