Ina Otto

1947
Geboren in Schleiz
1965
Lehre als Offsetretuscheurin in Leipzig
1967
Studium an der Hochschule für Kunst und Design, Halle bei Prof. R. Horn
1972
Diplom als Formgestalterin im Fachbereich Möbel- und Ausbaugestaltung
1974
Wissenschaftliche Mitarbeiterin im AIF in Karl-Marx-Stadt (Chemnitz)
1976
Freischaffende Tätigkeit als Formgestalterin und Keramikerin in Karl-Marx-Stadt (Chemnitz); Mitglied im VBK
Studienreisen Sowjetunion, Österreich, Polen, CSSR und Ungarn
1990
Internationales Keramiksymposium Römhild
1991
Freischaffende Tätigkeit in Bad Gandersheim
2004
Freischaffende Tätigkeit in Braunschweig
2006
Studienaufenthalt in Siklos, Ungarn
Mitglied im BBK Braunschweig
Honorartätigkeit Jugendkunstschule „buntich“, Braunschweig
Volkshochschulen Braunschweig, Wolfenbüttel, Wolfsburg
Ausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen
1990
„Balanceakt“, Galerie Melnikow, Heidelberg
1992
Deutsche Keramik Westerwald
1993
„Kunstlandschaften“, Erfurt, Galerie Am Fischmarkt
1994
„Botschaften in Ton“, Kreissparkasse Northeim
1995
„Spuren des Lebens“, BBK-Werkstattgalerie Heidelberg
„Mitteilungen auf gebranntem Ton“, Künstlerhaus Göttingen
1997
Malzhaus-Galerie, Plauen
1998
„Tonarten“, Keramikgalerie Hilde Holstein, Bremen
1999
Ofenhaus Colnrade
2000
„Werke zum Paradies“, Großzicker, Rügen
2001
Galerie Art 99, Worpswede
Galerie Hedehusum, Föhr
2003
„Keramische Plastik und Malerei“, Glasmuseum Boffzen
„Auf tönernen Füßen“, Klosterkirche Brunshausen, Bad Gandersheim
Wasserscheune Erbsen
2004
„Keramische Plastik und Malerei“, Stadtoldendorf
„Terra Magica“, Schloss Reinbek
„Zweidimensional – Dreidimensional“, Torhausgalerie, BBK Braunschweig
2005
„Format“, Galerie Kontext, Burgdorf
2006
Galerie Hedehusum, Föhr
2007
„Balance“, Galerie Faita, Hameln
2008
„O-TON“, Galerie Terrarossa, Leipzig
2009
„Tonwerte“, Kulturzentrum Bosener Mühle, Saarland
„Skripturale Keramik“, Buch & Kunst, Braunschweig
2010
Galerie matrix, Braunschweig
2011
Grafik Museum, Bad Steben
"Tonwerte", Kreismuseum Peine

Ina Otto, Tonwerte
22.5.-21.8.2011

Spielerisch, erzählerisch, erfinderisch, grüblerisch, spöttisch, aufrührerisch, sogar sarkastisch....
Diese Attribute fallen einem sofort ein, betrachtet man die sinnlichen, sprechenden Figuren von Ina Otto.
Ina Otto ist eine begabte, gerissene Geschichtenerzählerin, eine Scheherazade aus 1001 Nacht.

„Der große Geschichtenerzähler“ erscheint mir wie die Künstlerin selbst, auch wenn es wahrscheinlich ein Mann ist, ganz klar ist das nicht. Er hat das typische Gesicht eines guten Erzählers: Die Augen halb geschlossen, ganz konzentriert und introvertiert, den Mund gespitzt, entsprechend der Redewendung „Und er hob an...“ Märchenhaft erscheint sein gedrehter, farbiger Turban. Diese Art von Kopfbedeckung ist fast schon ein Markenzeichen von Ina Otto, man findet sie bei vielen Figuren. Seine große Hand hat der Erzähler geöffnet und lässt kleine Fabelwesen, darauf turnen, die aus seiner Geschichte nur so herauspurzeln. Aber halt – sind es Fabelwesen? Sie tragen Helme und ihre Anzüge sind gepunktet wie bei der Militär-Tarnung. Sind es vielleicht Soldaten und der „Große Geschichtenerzähler“ ist gar nicht so nett, wie wir erst dachten, sondern eher einer der Politiker, die uns gerne Märchen erzählen? Das müssen Sie selbst entscheiden.

Mit den spielerisch gefundenen Titeln der Plastiken verführt uns die Künstlerin ins Erzählerische und damit in unsere eigenen Lebenswirklichkeiten. Sie lässt uns unsere Befindlichkeiten überdenken, wie sind wir drauf? Ihre Arbeiten sind nicht Inhalte in „schöner Form“, sondern lassen unsere Gedanken aktiv werden, sie sind Auslöser verschiedener Reaktionen.

Thema bei Ina Otto ist immer wieder die zwischenmenschliche Kommunikation:
Wie verhalten sich Paare miteinander, wie kommunizieren sie?

„Dick und Dünn“ ist so ein Paar, bei dem man sich wundert, was sie aneinander finden. Ich will keine Namen nennen, aber wahrscheinlich fällt auch Ihnen ein berühmtes Paar dazu ein... Der Mann hässlich, mit dickem Bauch, Segelohren, Glatze und großer Nase, die Frau ein frecher, lang aufgeschossener Rotkopf. Aber richtig schön ist sie auch nicht, dazu sind ihre Beine zu dick. Gehören sie zusammen oder messen sie sich aneinander, Rücken an Rücken, nur am Po zusammen stehend? Die Frau ist halb zum Mann umgewandt, ihm zugewandt, als möchte sie horchen, was er gerade gesagt hat, immer noch, obwohl sie sich eigentlich schon abgewandt hat – dieses Dilemma kommt Ihnen bestimmt bekannt vor. Eigentlich liebt sie ihn ja noch, aber....

Das Aquarell „Zoff auf dem Sofa“ macht den Konflikt noch deutlicher.
Hält nur noch der Sex das Paar zusammen? Traurig genug.

Auch das Aquarell „Klippen“ greift das Paar-Thema auf. Das Bild ist zweigeteilt, ein Dyptichon eben, das man je nach Laune zusammen stellen kann: Einmal erscheint eine einsame Insel, als Ganzes fast uneinnehmbar, unangreifbar, die andere Möglichkeit lässt zwei gegenüberliegende Ufer zu, die durch einen tiefen Graben voneinander getrennt sind, jedes für sich. Ein schönes Bild für eine Beziehung und als Bild sehr alltagstauglich: Ein Paar könnte es immer wieder von neuem umhängen, je nachdem, wie es um die Beziehung gerade steht.

Ist der „Pas-de-Deux“ nicht das Sinnbild einer vertrackten Beziehung? Ina Otto gibt hier bewusst keine männliche oder weibliche Zuordnung der Figuren, es handelt sich nicht um eine Geschlechterfrage. Offenbar funktioniert eine gute Beziehung nur, wenn die beiden den Ball niemals nachlassend zwischen sich balancieren. Was für eine Anstrengung! – Oder symbolisieren die beiden die unauflösliche und doch so fragile Verbundenheit zweier Liebender, zweier Partner allgemein? Ja, was passiert, wenn sie den Spielball einfach fallen lassen? Sind sie dann kein Ganzes mehr, sondern zwei Vereinzelte, die sich endlich von dem nur mit aller Anspannung zu balancierenden Ball – der einengenden Beziehung / Partnerschaft - befreit haben? Ein bisschen lächerlich wirkt das Ganze auch, oder?
„Die Suche nach der Balance kann schon der Beginn eines Tanzes sein“, sagt Ina Otto.

Immer wieder hat sich Ina Otto mit dem menschlichen Akt beschäftigt: Der nackte Mensch, zurückgeworfen auf sein Eigentliches, schutzlos, Teil eines übergreifenden Ganzen. Die Akte sind dick oder dünn, manchmal bewusst hässlich übersteigert, immer vollbusig und damit durchaus sehr erotisch.

Ina Ottos Figuren geben einen spöttischen Kommentar zu bestimmten weiblichen Zustandsformen ab, verkörpern Befindlichkeiten, die die BetrachterIn nur zu gut von sich selbst kennt, zumal ihr die Objekte meist sehr zugewandt sind, sich zu ihr hinbeugen oder sie fixieren. Sie scheinen den Alltag der Künstlerin zu kolportieren, der ja auch der BetrachterInnen-Alltag ist. Es geht um gewisse Themen, die in einem Frauenleben heutzutage öfter vorkommen, und doch sind es dank der Verallgemeinerung ins Gesellschaftliche keine „Frauenthemen“. Z.B. die „Sitzbalance“. Die Frau sitzt ziemlich unbequem und angespannt auf dem schmalen Grat einer Mauer. Sie braucht einen Stab wie eine Seiltänzerin, um ihr Gleichgewicht zu halten. Den hält sie aber nicht etwa in Händen, sondern hat ihn als Schmuck durch ihre Frisur gesteckt. Neckisch hat sie sich dazu noch ein auffälliges rotes Band ums Bein gebunden. Ihre Lage muss ziemlich anstrengend und mühsam sein, - warum tut sie sich das an? Ehrlich gesagt: Das frage ich mich bei vielen Frauen. Sie sehen genau, in welche Lage sie sich selbst gebracht haben, aber sie ändern nichts. Bis sie eines Tages tatsächlich herunterfallen. Dann bleibt nur noch ein Torso von ihnen übrig, wie in “Revolte“. Dort ist die Frau endlich auferstanden aus den Trümmern ihres Selbst. Mit selbstbewusst zurück geworfenem Kopf lässt sie den Torso, der einmal ihr Körper war, hinter sich und erfindet sich komplett neu.

Auch „Balance“ variiert das Thema. Auf einer großen unförmigen Schaukel ist ein Paar ins totale Ungleichgewicht geraten. Oben der Mann, der begeistert und siegreich mit großer Gebärde seine Arme in die Luft wirft, unten die Frau, die sich mit gesenktem Kopf und in verkrampfter Haltung kaum auf der schiefen Ebene halten kann. Sie ist völlig mit sich selbst beschäftigt und merkt gar nicht, wie aussichtslos ihre Lage ist. Niemals wird sie diese schwere Schaukel zu ihren Gunsten in die Balance bekommen, geschweige denn in die Siegerstellung. Viele Frauen, die ihrem Mann die Schaukel gehalten haben, damit er Karriere machen kann, merken oft gar nicht, wie weit sie sich ins Abseits katapultiert haben, menschlich wie beruflich. Sie sind so mit sich selbst beschäftigt, haben sich so sehr eingeigelt, dass sie nicht einmal mehr wissen, ob sie Männlein oder Weiblein sind. Man muss schon sehr genau hinsehen, um die weiblichen Attribute bei der Figur wahrzunehmen. Die Frau könnte sich nur helfen, indem sie die Schaukel verlässt. Dann würde der Mann ins Bodenlose stürzen. Eher verlässt der Mann die schiefe Ebene, und die Frau kriegt dann gar nichts mehr bewegt. Es sei denn – siehe oben, „Revolte“!!

Aber nein, was macht sie? Sie setzt sich „Beflügelt auf(s) Rad“. Die kleinen koketten Engelsflügelchen können nicht wirklich als Fortbewegungsmittel dienen. Die Frau ist witzig, spritzig, „Ach, mein Engelchen!“ - symbolisieren die winzigen Flügel. Aber sie macht nichts daraus! Auf dem zerdetschten, völlig funktionsuntüchtigen Rad müht sie sich immer weiter um ihr Fortkommen. Aber schaffen wird sie es nie, wenn sie das Rad nicht wegwirft! Sollte ich sagen, dass mir das sehr bekannt vorkommt?

Andererseits: Wäre die Figur „Flatrate“ nicht ein Denkmal unserer selbst, wenn wir denn eins bekämen? Ganz verzückt und weltabgewandt lauscht die Frau in ihr handy. Meist sogar, wenn reale Leute anwesend sind. Das wird heutzutage nicht einmal mehr als unhöflich empfunden.

Erinnern wir uns z.B. beim Anblick der Skulptur „Palast der Winde“ oder beim „Architekturfragment“ nicht allzu gern daran, wie neugierig wir früher als Kinder verwinkelte Gänge entlang strolchten, immer auf der Hut, was um die nächste Ecke auf uns zukommt? Oder handelt es sich hier um ein Märchenschloss, in dem Dornröschen wartet?

Finden wir die Aufmachung von Ina Ottos Damen mit ihren verrückten Hüten - speziell aber die der weißen theaterhaften Figurinen - nicht manchmal etwas zu gewagt? Bei mehreren Arbeiten merken Sie, dass es Ina Otto um das fantasievolle Ausleben von Haute Couture geht, nicht tragbar, aber später Impuls gebend für die neue Mode.

Ina Otto irritiert und provoziert uns mit viel Witz und einer freundlichen Ironie, unsere eingefahrenen Sehweisen zu überdenken und gleichzeitig ein wenig versonnen in uns hinein zu lächeln. Wenn Sie sich einlassen auf die Figuren der Ina Otto, dann lösen sie ganze Assoziationsketten aus. Geschichten können sich in viele Richtungen hin entfalten.

Dr. Ulrika Evers
Kreismuseum Peine / Museum für Alltagskultur