Thomas Metz

1960
geboren in Bonn
1983-1992
Kunst- und Geschichtsstudium an der HBK und der TU Braunschweig, Malerei bei HP Zimmer
1983, 1988
Geburt der Kinder Lisa und Jonder
1993-1995
Refendariat am Gymnasium Groß Ilsede
seit 1995
Dozent für Kunst und Malerei an der KVHS Peine
seit 1996
Vertretungsstellen als Kunstlehrer an Gymnasien Stadthagen, Neustadt und Hameln
seit 1987

verschiedene Einzelausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen

lebt in Eddesse, Gemeinde Edemissen
Atelier in Braunschweig, Ateliergemeinschaft Kreuzstraße

Bilder von Thomas Metz
Schrei, wenn Du kannst

"Wenn Wut, Einsamkeit, Kraft und Intelligenz aufeinanderprallen, dann fangen Dichter an zu schreiben, Maler zu malen, Komponisten zu komponieren, und Kinder beginnen zu schreien."

(Ulrich Hoeltz in: Katalog Walter Stöhrer, Weißglut, Galerie Nothelfer, Berlin 1993/94)

Thomas Metz hat die Ausstellung im Kreismuseum Peine unter ein Thema gestellt: „Schrei". Eine Kommunikation mit dem Betrachter voller emotionaler Aufgeladenheit mittels einer Geste und einer Mimik des Schreiens, eine Konfrontation mit den ständigen Kämpfen, Ängsten und Gefühlen eines Malers (eines Menschen), die man bei einiger Ehrlichkeit in sich selbst mal mehr, mal weniger wiederfindet.
Als erstes möchte man sich die Ohren zuhalten angesichts dieser gemalten Schreie. Geradezu durchdringend. Schrei in jeder Form und Möglichkeit. Die heiligen Hallen des Museums dröhnen. Köpfe, Männer und Frauen, mit aufgerissenen Mündern. Gnädigerweise könnte man von einigen auch annehmen, daß sie gerade lauthals singen, vor allem die Dame in Goldflitter. Und eine verschreckte, bläßliche Frau in Worpswede-Farbigkeit bringt den Mund vor lauter Angst überhaupt nicht auf. Anderen läuft Blut über das Kinn, es tropft ihnen der Schaum vom Mund, oder sie bluten und schreien wie zusammengeschlagene, schwerverletzte Menschen. Thomas Metz hat, so scheint es, alle Ausprägungen menschlicher Mimik angesichts eines Schmerzes, einer Gemütsbewegung, abgehandelt. Der Motivwiederholung wohnt eine vielschichtige Symbolik inne. Der Betrachter hat die Freiheit der Wahl, er denkt an Folteropfer, an Kriegsopfer, Verrücktgewordene und Abgedrehte, an dämonisch Wütende, an Schwerstkranke, an Obdachlose, an Schlägertypen. Und wer würde je das schreiende, nackte kleine Mädchen aus Vietnam vergessen, das vor den Soldaten flüchtet (1 966), sozusagen eine grauenhafte Ikone des Vietnamkrieges?

Leid in potenzierter Form, aber auch Gewalt. Denn hier handelt es sich nicht nur um Opfer, sondern auch um Täter. Es sind Menschen, an die niemand gerne erinnert wird. Zumal sie in unserem Bildvokabular durch die täglichen Fernsehnachrichten zur abstumpfenden Alltäglichkeit geworden sind.

Menschliche Köpfe in immer neuen Variationen, Reihungen, Abhandlungen und Ausdrucksformen, bis ein Thema ausdiskutiert ist. So malt Thomas Metz am liebsten auch gleichzeitig an mehreren Bildern, die Bilder verändern sich fortwährend während des Malprozesses. Dabei kann es passieren, daß die Bilder
„zugemalt" werden. Aber erst von mißglückten Bildern kann man die Freiheit zur Wiederholung lernen, ohne entnervt aufzugeben. Ausdauer ist, will man als Künstler gesehen werden, oft genauso wichtig wie Begabung. Und manchmal ist es auch zum Verzweifeln.

Die Variationen beinhalten auch eine spielerische Auseinandersetzung mit der Malerei an sich. Malerei als Malerei, um Farbe als Form und Farbe als Material zu definieren. Thomas Metz experimentiert mit Mischtechniken, mit Lacken, mit Ölfarben und setzt als Augen auch schon einmal Glasmurmeln ein. Der Untergrund jedoch ist immer noch die gute alte Leinwand, grundiert. Warum beschäftigt sich ein junger Maler mit einem solchen Thema, obwohl er ganz offensichtlich nicht mit einem Betroffenheitsauftrag herumläuft, er nicht
„das Unbewußte des Künstlers" visualisiert, wie ihm seine Ateliergemeinschaft am liebsten unterstellen möchte?

Das Thema „Schrei" ist facettenreich und setzt im Betrachter reichlich Assoziationen frei. Er mag abgestoßen oder angezogen sein, gleichgültig kann er angesichts dieser Malerei nicht bleiben, dazu fordern die Köpfe zu stark heraus. Natürlich erinnert man sich gleich an Edvard Munchs berühmten „Schrei" (1893), der allgemein als sein Hauptwerk angesehen wird und als die ausdruckstärkste Darstellung des von Angst gepeinigten modernen Menschen in der Malerei des 20. Jahrhunderts. Munch schrieb über diese Arbeit: „An einem Abend ging ich auf einem Weg. Auf der einen Seite lag die Stadt, unter mir der Fjord. Ich war müde und krank. Ich sah auf den Fjord hinaus. Die Sonne ging gerade unter - die Wolken färbten sich rot, wie Blut. Ich empfand das alles wie einen Schrei, der durch die Natur ging. Ich glaubte, einen Schrei zu hören. Ich malte das Bild, malte die Wolken wie richtiges Blut. Die Farben schrien." (Munch- Manuskriptim Munch-Museum Oslo,T 2709, S. 24).

In Chabrols berühmten Film von 1958 , „Schrei, wenn du kannst", geht es um die Geschichte einer Pariser Studentenclique im Universitätsviertel St. Germain. Hinter der Fassade von spielerischer Lässigkeit und gepflegter Langeweile verbirgt sich ein tiefer Lebensüberdruß, aber auch das Aufbrechen faschistoider Tendenzen. 40 Jahre später erscheint dieser Film, den Thomas Metz übrigens nicht kennt, noch immer aktuell und durchaus zur Interpre­ tation dieser Bilder brauchbar. Oder wer kennt nicht Ingmar Bergmanns Film
„Schreie und Flüstern", ein Psychodrama und Mysterienspiel gleichermaßen, in dem angesichts eines Sterbens die Frage nach dem Sinn der Existenz eines Menschen gestellt wird. Der italienische Regisseur Michelangelo Antonioni drehte einen Film namens „Der Schrei" (II grido), in dem er meisterhaft die innere Verfassung seines Helden angesichts seiner Verlassenheit an trostlosen, grauen Schauplätzen schildert. Auch Artur Janovs berühmte „Urschrei- theraphie"der 70er Jahre könnte herangezogen werden, mittels derer man sich den Kindheitsfrust aus dem Leib schreien sollte. Schreien als Befreiung aus den Klauen zwanghafter Neurosen.

Erst seit 1995 malt Thomas Metz überhaupt wieder Menschen, vorher beschrieb er Landschaften, z.B. das Matterhorn, mit allen Konsequenzen, auch des Kitsches. Wie bei den Köpfen variierte er auch hier immer wieder mehr oder weniger das gleiche Thema. Es ging um die Abwesenheit von Menschen in diesen Landschaften. Da durfte es auch einmal eine Persiflagen-Landschaft sein, ironisch, süffisant, ätzend, wie aus dem Kaufhaus. Das Geschwätz sovieler Menschen, die nicht mehr über ihre sprachliche Umweltverschmutzung nachdenken, ging dem Maler Thomas Metz auf die Nerven (Haben Sie schon einmal nur einen Tag lang genau auf das geachtet, was sie äußern und vielleicht gemerkt, wie vieles davon überflüssig wäre?).

Seine Landschaften vermittelten Thomas Metz Stille, obwohl sie alles andere als still waren. Denn, gleich, ob er Landschaft oder Gesicht malt, seinem Stil und der besonderen Art seiner Betrachtungsweise ist er treu geblieben, seiner „ Handschrift". Denn schon hier finden sich die wilden, kräftigen Farben, adäquat zur gestischen Malerei, zum „ malschweinhaften", sinnlichen Umgang mit Farbe, die kräftigen Pinselschwünge, das Rühren und Wischen, was den Malprozeß als solchen für den Betrachter sehr genau nachvollziehbar macht. Ja, Variationen über den Schrei. Aber die Auseinandersetzung geschieht auch auf malerische Weise, wie z.B. bei dem grün-roten Mann, wo Komplementärkontraste das Bild beherrschen, wo aber auch die Sinnlichkeit der flirrenden Farboberfläche, die Farbwerte, die Striche, Flecken und Flächen und sonstige visuelle Ereignisse eine Rolle spielen. So betrachtet, sind die Gesichter malerische Landschaften, erscheinen fast nur als Einstieg, um dann von der inhaltlichen Bedeutungsgeladenheit zum eigentlichen malerischen Problem zu kommen. Vielleicht ein kleiner Kniff von Thomas Metz, damit der Betrachter von seiner Betroffenheit, vielleicht sogar von einem ersten Abgestoßensein, überhaupt an diesen Bildern hängenbleibt, sie wahrnimmt, Auseinandersetzung sucht, mit dem Maler ins Gespräch kommt, Kommunikation ensteht.

Als Künstler, gleich, ob Maler/in, Autor/in, Musiker/in, gegen ein festgefügtes Kunstetablissement anzuschreien, bleibt nahezu ungehört, wird belächelt, wenn es überhaupt wahrgenommen wird. Und doch tun es die Künstler immer und immer wieder. Sich aus der Masse herauslösen, gehört werden, wie selten das wirklich geschieht, dar über müßte ein Künstler eigentlich verzweifeln. Zumal es auch ein Kampf um Positionen und damit um Geld ist. Dazu gehört nicht nur Begabung, sondern vor allem Glück, der richtige Entdecker und Fürsprecheram richtigen Ort, wie uns das Dieter Ronte in seinem Buch „Die wa(h)re Kunst" vorführt. Eine kleine Ausstellung im Kreismuseum Peine kann dieses Los nur unwesentlich lindern, aber jeder Künstler muß einmal anfangen. Fortwährende Wiederholung auch hier, bis das Thema abgehandelt ist, bis es einen nicht mehr interessiert. Weil man bei sich selbst angelangt ist und Dinge, die vorher alles bedeuteten, sich plötzlich verändern und verblassen und nicht mehr wichtig sind. Wer sich allerdings von vornherein entzieht und privatisiert, eine resignative Haltung angesichts des Kunstmarktes annimmt, dessen „Leidensdruck", Kunst machen zu müssen, nicht so stark ist, um den ist es nicht schade. Er wird sich andere Nischen schaffen, solange er das für sich selbst gut heißen kann.

Ein Schrei gegen die Massen- und Medien­ gesellschaft- das sind Thomas Metz' Bilder. Hören Sie ihn? Er dröhnt in den Ohren.

Dr. Ulrika Evers Kreismuseum Peine 6.2.1998