Thomas May

1971

Geboren

1992-2000

Akademie der Bildenden Künste Nürnberg, Prof. H-P. Reuter, Meisterschüler; Hochschule für Gestaltung Karlsruhe, Medienkunst; Aufbaustudiengang » Kunst im öffentlichen Raum « , Prof. J. P. Hölzinger, AdBK Nürnberg

» Germinations 11 « , Hüll, England; Reisestipendium der IHK Nürnberg; Debutantenpreis des Bayerischen Staatsministeriums; Künstleraustausch, Shenzhen, China; Artist in Residence, Nykarleby, Finnland

Ausstellungen (Auswahl)
1998
» Bayerische Saftwiese « , Galerie Schickler (E)
1999
» Anemonenfeld « , Kunstverein Weiden (E); » Nieder-Ramstädter Fußballrasen « , Wacker Galerie, Darmstadt (K)
2000
» Rasen « , Kreis Galerie, Nürnberg (E); » Dürer in Erlangen « , Galerie Hartmut Beck, Erlangen (E); » Nadelwald « , Kunstverein Weiden
2001
» Grashalmprojekt « , Oberpfälzer Künstlerhaus Schwandorf (K)
2002

» Rasen « , Nationalgalerie Skopje, Makedonien (E/K);
» Grashalmprojekt « und » One Houndred Flowers « , Shenzhen, China (E/K)

2003
» Debütantenausstellung « , AdBK Nürnberg (K); »Grashalmprojekt « , Nykarleby, Finnland; » Im Wind « , Boddenwiesen, Ahrenshoop (K); » Grashalmprojekt « , Gemälde und Skulpturensammlung Nürnberg, Museum Tucherschloss (E/K)
2007
Fotografie & Installation im Kreismuseum Peine

Thomas May - Das GrashalmProjekt

6.832 geschnitzte Grashalme aus weichen, 1x1 cm großen, quadratischen Basalhölzchen hat Thomas May für dieses Projekt gesammelt, festgehalten in einem Tagebuch mit einer Archiv-Nr., dem Namen des Schnitzenden, dem Anfangsbuchstaben seines Vornamens sowie seiner Berufsbezeichnung, ein riesiges Archiv ist so entstanden.
Im Peiner Museum sind 2.371 der Grashalme zu sehen, vor allem die 132, die beim Peiner Kunstpfad im Februar 2007 geschnitzt wurden. Jeder kann also „seinen“ Grashalm identifizieren. Er steckt wiederauffindbar im Rollrasen, der im Museum ausgelegt ist.

In mehreren Ländern war Thomas May schon mit seinem „Grashalm-Projekt“, in Polen, Mazedonien, der Ukraine, in Italien (Sizilien und Sardinien), der Tschechei und in China. Mit seinem „Grashalm-Projekt-Stand“ geht er gerne auf die Straße, um Kunst aus den heiligen Hallen der Museen und Galerien hinaus zu tragen in die ganz normale Alltagswelt, damit die Kunst zu den Menschen kommt und nicht umgekehrt.
Dabei ist er geduldig, abwartend und sehr kommunikativ.
Beeindruckend sind in diesem Zusammenhang die fantasievollen Grashalme der Chinesen. Teilweise sind aus dem gestellten Material der naturfarbenen Basalstäbchen eigene Skulpturen entstanden, mit Blümchen oder mit einem roten Stern, mit einem Januskopf, sogar ein Segelboot ist dabei.

Vielfältige Kontakte über die Ländergrenzen hinweg sind dabei entstanden und auch neue Projekte. So hat ein polnischer Lyriker Gras-Gedichte geschrieben, es gibt eine „Grashalm-Bibliothek“, Grashalm-Seminare mit Wissenschaftlern, Gärtnern, Greenkeepern, aber auch mit Lilli und Nina aus den Alpen, den beiden Wiederkäuern.

Und nun ist das Grashalm-Projekt, das im Februar nur als Foto bzw. auf DVD zu bewundern war, „in natura“ zu sehen.
Mitten im November grünt es im Kreismuseum Peine, der Rasen wächst vor sich hin, unterstützt von den Grashalmen, die 137 Personen im Februar in Peine mit geschnitzt haben. Jeder sein eigener Bildhauer! Thomas May hat sie „grasgrün“ oder „maygrün“ in einem etwas schrillen Farbton eingefärbt und haltbar gemacht, damit sie im Rasen nicht schimmeln.
1 m³ Mutterboden wurden in Teichfolie gepackt und darauf unkrautfreier Rollrasen aufgelegt. Dort hinein haben fleißige junge Helfer die Holz-Grashalme gesetzt.

Spielerisch verbindet Thomas May Natürliches mit Künstlichem, Natur und Kunst, wirkliches Gras mit „Gefaktem“. Im echten Rollrasen wird der geschnitzte Halm seinem Vorbild gegenüber gestellt, ohne Wertung seitens des Künstlers. Frei nach Joseph Beuys „Jeder ist ein Künstler“ ist jeder, der an der gemeinsamen Skulptur mit gearbeitet hat, ein Grashalm-Künstler. So wandelt sich im Verlauf von Thomas Mays Arbeit das Grashalm-Projekt zur sozialen Skulptur, an der viele Menschen aus verschiedenen Ländern mitgewirkt haben.

Im Laufe der Ausstellungszeit verändert sich die gemeinsam geschaffene Skulptur, der Rasen durchläuft verschiedene Phasen, er wächst, wächst über die Grashalme hinaus, wird sie eine Zeit etwas verdecken, dann umfallen, und damit die Holzhalme um so besser zur Geltung bringen. Der Museumshandwerker wird zum Gärtner, denn er muss das Wachstum mit der Gießkanne in der Hand täglich überwachen, aber auch auf eventuellen Schimmel- oder gar Parasitenbefall hin überprüfen. Echte Natur im naturfernen Museumsraum – das schließt sich eigentlich aus gutem Grund gegenseitig aus.

Thomas May zeigt in dieser Ausstellung neben der Grashalm-Installation noch andere Aspekte seiner Arbeit, Verspannungen im Raum und Fotografie.

Thomas May, Jahrgang 1971, hat nicht nur Malerei (Meisterschüler bei Prof. Reuter) und „Kunst im öffentlichen Raum“ an der Akademie in Nürnberg studiert, sondern an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe auch Medienkunst.

Die Verspannungen nehmen Bezug auf den Raum und definieren ihn neu. Im Museumsfoyer sind es drei große rote Dahlien mit goldenen Stempeln, „die Königin des Herbstes“ ganz altmeisterlich gemalt in Eitempera auf Papier. Sie bilden zuerst einmal einen Komplementärkontrast zum grünen Rasen darunter, nehmen aber gleichzeitig Bezug auf den roten Mantel von Jesus auf dem barocken Epitaph aus der alten Peiner Jakobikirche sowie mit ihren goldenen Stempeln auf dessen Goldfassung. Thomas May hat rote Dahlien am Grab des 18jährig verstorbenen Sohns niedergelegt, der im Glückauf-Haus, in dem das Museum untergebracht ist, gewohnt hat. Dessen Mutter war über seinen Tod so verzweifelt, dass sie das Epitaph zu seinem Andenken stiftete.

Leuchtend blaue „Akeleien“ und grüner „Sonnentau“ begegnen uns im Ofenraum unter und über dem Amtmann-Ziegler-Flügel und verleihen dem grau-schwarzen Raum eine fröhliche Farbigkeit. Beides sind Siebdrucke auf Papier. Sie erfreuen den Be-trachter nicht nur durch ihre Starkfarbigkeit, sondern auch durch ihre Symbolik.

Ikonografisch ist die Akelei ein Attribut von Maria, sie trug den ultramarinblauen Mantel, unter dem sich Schutzsuchende flüchten konnten. Die Akelei gilt als Heilpflanze und „Mittel gegen die scharfe Galle der Geelsucht und war ein Sinnbild der Heilung vom Geiz“ (Knaurs Lexikon der Symbole, 2000).

Der „Sonnentau“ gehört zur Gattung der fleischfressenden Pflanzen. Sein Name leitet sich ab von den zahlreichen Drüsensekrettropfen an der Spitze seiner Tentakel, die an morgendliche Tautropfen erinnern. Er steht unter Naturschutz. Speziell die heimischen Arten sind stark gefährdet durch die Nutzung seiner Lebensräume durch Trockenlegung oder Torfabbau in den Mooren. Verlorene Standorte können durch eine Wiederansiedlung nicht zurückgewonnen werden. Erschwert wird sein Schutz durch sein unscheinbares Auftreten. Als Heilpflanze diente er schon im Mittelalter, vor allem gegen Reizhusten, auch heute noch ist er in Hustenmitteln enthalten. Gerne benutzt wurde er aber auch als Aphrodisiakum und zur Herzstärkung (nach Wikipedia).
Einerseits erinnert Thomas May durch seine malerische Beschäftigung mit dieser Pflanze an Umweltprobleme, durch die die Pflanzenvielfalt gerade in unserer Gegend bedroht ist, anderseits gibt er aber dem geneigten Betrachter eine Möglichkeit, durch raschen Blickkontakt mit dem Sonnentau seine Libido zu stärken...

Im oberen Ausstellungsraum zeigt Thomas May ausschließlich Fotografien von Landschaften und Landschaftszeichnungen aus der Leuchtkasten-Serie. Immer beschäftigte ihn auf seinen verschiedenen Reisen die Landschaft, und so kommen die Alpen, der Osterbodden in Finnland, die berühmten Karstberge in Guilin/China, die Hohe Tatra in Polen und die Hügel der Toskana vor. Aber er bildet keine realen Situationen ab, sondern zeigt Klischeebilder typischer Landschaftsformationen, die im Genre der Landschaftsmalerei vor allem in der Romantik oft verwendet wurden.

Die Zeichnungen in den Leuchtkästen bestehen aus gebogenem Plexiglas, das von der Seite so fotografiert wurde, dass die Biegungen zur Linie werden. Darauf befinden sich farbige Kunststoff-Elemente als Pflanzenersatz. Die Fotografien sind digital ausgedruckt und von hinten beleuchtet. In Reminiszenz an die Vorbilder der Landschaftsmalerei wurde mit Hilfe der Fotografie die dreidimensionale Plexiglas-Installation in einer sehr eigenwilligen Technik auf die zweidimensionale Bildfläche an der Wand zurück gebracht und mit may-grünen Plastik-Utensilien verfremdet. Thomas May reduziert die Landschaft zu einem Topos.

Im Leuchtkasten „Italien“ (2007) unterläuft der Künstler unsere Sehgewohnheiten. Die Linien der fotografierten Plexiglas-Hügel sind besetzt mit auseinander geschnittenen gleichförmigen, grünen, gefundenen Gräsern aus Plastik, die eine grafische Linie bilden und in ihrer gleichförmigen Reihung virtuell wirken. Der Lieblichkeit der Toskana setzt Thomas May die abstrahierte, menschenleere weiße Winterlandschaft entgegen, wir entfernen uns von ihr in Kälte und Einsamkeit, aus der uns die grüne Plastiknatur nicht wirklich befreien, sondern nur irritieren kann.

Der Leuchtkasten „Alpenlandschaft“ (2003) mit ihren hoch gezackten Gipfeln ist ein Hommage an Thomas Mays bayrische Heimat. In den Alpen spielen die Tannen eine Hauptrolle, im Leuchtkasten vertreten von kleinen Fallereisenbahnbäumchen aus Plastik, stramm und züchtig in Reih und Glied parallel gesetzt. Dazu müssen sie sich allerdings ganz schön verbiegen. Hier herrscht wirklich über allen Gipfeln Ruh' und eine deutsche Ordentlichkeit und Aufgeräumtheit, gleichzeitig aber auch wieder die bereits beschworene Einsamkeit. Mit dem wiedererkennbaren Topos der Alpenlandschaft entkommt Thomas May dem Klischee des bei Heimatmalern beliebten, tümelig-gefühligen Alpenbild.

In den Leuchtkästen geht es also wiederum um Wirkliches und Gefaktes. Unsere Sehgewohnheiten werden auf die Probe gestellt. Was wollen wir glauben, was uns vormachen lassen von einem anderen, und sei er auch Künstler? Was ist echt und was nicht? Durch die fortschreitende Digitalisierung ist alles möglich geworden, begonnen hat die neue Wirklichkeit bereits viel früher mit dem Retuschieren von Fotos im Atelier. Aber mit unseren heutigen technischen Möglichkeiten können wir z. B. im Internet Schöpfer spielen und alles nach unserem Gusto hinbiegen, in virtuellen Welten verkehren und sogar eine andere Persönlichkeit annehmen, falls wir unsere in der Wirklichkeit nicht besser hinkriegen. Auch im Chatroom müssen wir uns nicht wirklich zu erkennen geben. Was bedeutet das für jeden von uns? Es sind tiefgreifende Fragen zum gegenwärtigen Wandel von Werten in unserer Gesellschaft. Wie schön ist es, zu lügen, zu fälschen, um uns selbst besser darzustellen? Und wird uns das in unserer eigenen Entwicklung wirklich voranbringen? Fragen über Fragen, die der Künstler aufwirft, auf den ersten Blick ganz harmlos und kommunikativ, aber existenziell, so wie ja auch seine Künstlerexistenz ist.

Dr. Ulrika Evers, Kreismuseum Peine

Stand Mai 2006: 6 564 Grashalme
Tourdaten des «GrashalmProjektes»:
2001
Schnitztour durch ländliche Regionen Nordbayerns und Nürnberg

Ausstellung der Installation im Oberpfälzer Künstlerhaus Schwandorf

2002

Schnitztouren durch Skopje, Mazedonien; Süd-China, Provinz Guangdong (u.a. Shenzhen und Guangdong); Franzensbad, Tschechien

Ausstellung der Insatllation im Fine Art Institut Shenzhen

2003

Schnitztouren durch Finland, Region um Vaasa; Eger, Tschechien; Nürnberg und Umgebung

Ausstellung der Instllation im Museum Tucherschloß , Nürnberg

2004

Schnitztouren in Krakau, Polen; Nykarleby, Finland

Kooperation mit der Deutschen Akademie für Fußballkultur

Gründung des «Grashalmlnstitutes»
und Kooperation mit dem «GrashalmProjekt»

2005

Schnitztour durch Polen, Ausstellung der Installation im Museum für Japanische Kunst und Technologie
« manggha »

Verschiedene Workshops und Seminare des Grashalmlnstitutes sowie Schnitzaktionen des GrashalmProjektes auf der Bundesgartenschau in München, Aufstellung des Monumentalisierten Grashalm Nr. 1654 von IdrisY. Montagearbeiter auf der Landesgartenschau in Leverkusen

2006
GrashalmProjekt zu Gast im Kunstverein Werne, Teilnahme an der Ausstellung » Was ist Deutsch « des Germanischen Nationalmuseum Nürnberg mit einer speziellen Auswahl von Grashalmen von Schrebergärtnern (Abb. im Ausstellungskatalog)
2007

Grashalm schnitzen anläßlich des 5. Peiner Kunstpfads im Kreismuseum Peine