Mariel Gottwick
Pralinare – Ikonen der Konsumgesellschaft
Ausstellung im Kreismuseum Peine, 29.8.-31.10. 2004



„Ikonen der Konsumkunst“ ist diese Ausstellung betitelt. „Ikone“ heißt auf griechisch „Bild“ und ist das Tafelbild im Kultus der Ostkirche, also etwas, was man sehr verehrt. Und meist ist es vergoldet.
 Mariel Gottwick beschäftigt sich mit Objekten des täglichen Konsums, die eigentlich nicht verehrenswert sind. Und doch...
 
 Sprechen wir zuerst über die Serie „Pralinare“, ein von der Künstlerin erfundenes Wort, das ein wenig lateinisch klingt und damit etwas Andächtiges, Überhöhtes in sich trägt.

Es gibt nur wenig Zeitgenossen, die es nicht lieben, feinste Pralinen zu konsumieren, schön und geschmackvoll, ja geradezu anmacherisch verpackt. Manchmal ist die Verpackung sogar verheißungsvoller als der Inhalt, oft kaufen wir etwas nur wegen der hübschen Verpackung. Wir lieben die Verpackung und beschweren uns doch gleichzeitig darüber, dass wir dauernd den überquellenden gelben Sack entleeren müssen. Heutzutage bekommt man fast  nichts mehr unverpackt, vielleicht noch auf dem Wochenmarkt. Und da verpacken wir unsere Einkäufe in einen schönen, geflochtenen Weidenkorb, dann sieht das Gemüse noch mal so appetitlich aus.

In dieser Ausstellung sehen wir nur noch die Verpackung der Dinge, die wir lieben. Jede Menge hat die Künstlerin, ihre Familie, ihre Freunde essen müssen, damit die Künstlerin möglichst verschiedene Formen abnehmen konnte. Die Verpackungen sind selbst Objekt geworden, aus Gips, Beton, Papier, ja sogar aus Gelatine. Sie haben eine Umwidmung erfahren, die der unvoreingenommene Besucher nicht sofort wahrnimmt, denn erst auf den zweiten Blick merkt er, dass es sich nicht um „echte“ leere Hüllen handelt, sondern um Nachbildungen.

Hier spielt Mariel Gottwick mit unserer Wahrnehmung, was echt und was nicht echt ist. Und gleichzeitig erhebt sie die an sich wertlosen Dinge in den Kultstatus, einmal, weil sozusagen der Abfall auf den Sockel gestellt ist und zum anderen auch aufgrund der Vergoldung, durch die das Wertlose eine Überhöhung erfährt, zur „Kunst“, zur „Ikone“, wird.

Außerdem: Was ist wirklich wertvoll? Objektiv natürlich Gold oder Brillianten, viel mehr aber noch das, was wir für uns selbst dazu erklären. Und da kann ein schillerndes Pralinenpapier aus Stanniol, von uns zu Kinderzeiten liebevoll und sorgsamst geglättet und vielfältige Erinnerungen weckend, weit wertvoller sein als alles andere. Oder eben die vergoldete Hülle eines bereits vertilgten Pralinen-Objekts, an das wir uns lustvoll und schuldbewusst zugleich erinnern.

Und da sind wir bereits bei ganz grundsätzlichen Fragen, um die sich in Mariel Gottwicks künstlerischem Schaffen alles dreht: Was ist was, wofür steht etwas,  was ist wertvoll bzw. was machen wir dazu, welche Werte, Gefühle, verbinden wir letztendlich mit bestimmten Dingen. Und weiter, ganz philosophisch: Was ist Schein und was ist wahr, was ist echt? Und was ist Kunst!?

Ja, was ist echt? Wann ist z.B. ein Teppich echt? Mariel Gottwick hat sich die Mühe gemacht, Fotos von Teppichen aus Werbeprospekten auszuschneiden, auch mit den optischen Verzerrungen, die sich durch ein Foto ergeben, und diese Fotos dann mittels Farbkopie auf ein Stück weichen Stoffes aufgebracht. Das ist doch echt ein Teppich, den wir da sehen. Aber er ist nicht echt, nicht wirklich. Teilweise tragen die Teppichfotos noch die echten Preise in sich, die lassen uns an der Echtheit zweifeln. Es ist ein Spiel, das die Künstlerin mit uns und unserer Wahrnehmung treibt.

Genauso wie bei der Serie von Fleischstücken, bei der uns der Titel, ein Zitat von Rodin, warnt: „Der Künstler ist wahr, und die Fotografie lügt.“ Bei den jeweils 10 kleinen gerahmten Fleischstücken besteht eine Reihe aus aufgezogenen Farbkopien, ebenfalls aus Werbeprospekten von Supermärkten, die andere ist von der Künstlerin mit Acrylfarben gemalt. Bei beiden Reihen ist der Schattenwurf so gewählt, dass die Fleischstücke zum Greifen plastisch in dem Glaskasten schweben. Sind sie echt? Das Fleisch besteht aus Acryl. Es wirkt zumindest „unheimlich“ echt. Wir müssen Rodin widersprechen: Der Künstler und die Fotografie, beide lügen. Nichts von beidem ist echt, sondern nur eine Form von Wahrnehmung, eine Verabredung von Wahrnehmung. Und wenn man dann noch darüber reden möchte, dass jeder von uns eine ganz eigene Wahrnehmung hat, die von keinem zweiten hier Anwesenden wirklich, echt, geteilt wird, kommen wir an kein Ende.

Die Video-Installation „... wie eine Praline verschwindet“ befasst sich damit, wie Mariel Gottwick zu ihren Objekten, den leeren Hüllen, kam. Man sieht nur einen wunderschönen, roten Mund mit sinnlichen Lippen, der so genüsslich eine Praline nach der anderen isst, dass man geradezu neidisch zusieht. Mhhhm, lecker. Und sie isst und isst, es nimmt kein Ende, irgendwann wird einem ganz schlecht von den vielen Pralinen und man findet dieses Pralinenfuttern geradezu unanständig und eklig. Die Wahrnehmung kehrt sich um.

In der Serie „gratis“ legt Gottwick nicht nur auf die Hüllen von Süßigkeiten ihr Augenmerk, sondern auch auf die Beigaben zu Lebensmitteln, den sog. give aways, die – ja, wen eigentlich? – zum Kauf ermuntern sollen. Sie hat sie durch die Art, wie sie sie in ein schönes Schächtelchen, eine Verpackung, eine Schmuckschatulle, ausgeschlagen mit schwarzem Samt, verpackt, zu einem Schmuckstück erhoben, umgewidmet, zumal die Objekte zumeist von ihr vergoldet wurden. Handelt es sich nun um wertlose Dinge oder nicht? Oder bekommen die Dinge erst den Wert, der ihnen von jemandem, einer Künstlerin z.B.,  zugewiesen wird? Und was dürfen wir glauben?

Wahrnehmungsphänomene um den schönen Schein herum  – darauf legt die Kommunikationsdesignerin Gottwick ihr künstlerisches Augenmerk.

Gleich im Eingang gibt es zwei Arbeiten, „Wählen Sie Ihren Mund!“ Da können Männer wie Frauen einen Mund aus dem reichhaltigen Angebot von Schmoll- bis Kussmund wählen – sie stammen alle von Models. Mit Gottwicks Lippenparade kann man sich den gewünschten Look verpassen, unglaublich, wie man sich verändern kann, von schmallippig verklemmt bis herzförmig sinnlich. Wie nehmen wir uns selbst wahr? Nie sind wir mit unserem Spiegelbild zufrieden! Und wie nehmen uns die anderen wahr? Sind wir mit den sinnlichen, vollmundigen Lippen für die anderen wirklich liebenswerter? Nur wir selbst fühlen uns vielleicht besser, die anderen nehmen die Veränderung vielleicht gar nicht wahr.

Hier nimmt Gottwick die beliebten Schönheitsoperationen aufs Korn, in Amerika gang und gebe, selbst in Europa greift die Unsitte um sich, Herr Berlusconi macht es vor, und Schönheitsoperationen gibt es jetzt bereits vor laufenden Kameras als quotenbringendes Ereignis.

In dieselbe Richtung geht auch die Fotografie-Serie „Schneewittchen“. Über Fotos von sich selbst hat Gottwick Fotos von Model-Gesichtern gelegt und kann so die Porträts beliebig verändern, bis sie dem gewünschten Schönheitsideal entsprechen. Einerseits. Andererseits wirft sie hier wieder die Frage auf, die wir schon kennen: Was ist echt? Angesichts der technischen Möglichkeiten der digitalen Fotografie kann man sich mittels Retuschieren am Computer in eine Schönheitsprinzessin verwandeln, die im täglichen Leben niemand auch nur zur Kenntnis nähme. Glauben Sie keinem Model-Foto in den Frauenzeitschriften! Alles nicht echt! Alles manipuliert! Gott sei Dank, denn sonst könnte man sich ja nicht mehr auf die Straße trauen.

Noch eine weitere Arbeit beschäftigt sich mit dem schönen Schein: „Essen ist schön“, ein echt museales Menü. Eine Reihe von Suppen, die die K ünstlerin  selbst zubereitet hatte, fotografierte sie, veränderte sie farblich ganz leicht und ordnete sie wie einen Aquarellkasten an. „Echt“ lecker – aber irgendwie sind diese Suppen einfach zu schön, um wahr zu sein, eben nicht echt. Es gibt eine ganze Industrie rund um das „Food Design“, in der Designer an die Speisen genauso Hand anlegen wie die Stylisten an die Models der Hochglanzmagazine. Und wir ambitionierten Köchinnen wundern und ärgern uns, dass unsere Kochergebnisse irgendwie anders aussehen als in unseren Kochbüchern.



Mariel Gottwick hält neben den Ikonen noch eine ganz spezielle Devotionalie für uns bereit: Mandalas mit Abbildungen von Sammelfigürchen, meistens Gratisproben oder den bereits erwähnten „give aways“. Das religiöse Symbol indischer Religion, das in den letzten Jahren noch von der letzten Yogaschülerin entdeckt wurde und zu einem Modeartikel mutierte, wird hier ironisch überhöht als Lampe – auf zum fröhlichen Konsum! – oder als Altarbild angeboten, eine Meditationshilfe für Konsumenten. 

Mariel Gottwick will uns keinesfalls die Freude am Konsum austreiben, dafür isst sie selbst viel zu leidenschaftlich gern z.B. Pralinen. Aber wir lernen, uns selbst beim Konsum zuzusehen, ein wenig lächelnd, ein wenig kritisch, aber doch genussvoll.

Kommen wir noch einmal auf den Titel der Ausstellung zurück, auf die Ikonen. Ganz klar, dass die bunte Welt des Konsums hier kritisch unter die Lupe genommen wird. Wenn wir uns auf die Vorgaben der Künstlerin einlassen, werden wir in Zukunft nachdenklicher mit bestimmten Ressourcen umgehen. Nachdenklicher, aber wir werden uns nicht beirren lassen, weiter zu konsumieren. Außerdem müssen wir das unbedingt, damit der deutsche Konsummotor wieder anspringt, - der Chef der Weltbank rät der Bundesregierung sogar, Schecks an die Bevölkerung zu verteilen...

Dr. Ulrika Evers
Kreismuseum Peine
28.8.2004