Christine Colditz
eine radikale Expressive

„Muss man ein Kunstwerk verstehen? Einige Künstler behaupten, dass man es nicht in einem intellektuellen Sinne verstehen, sondern spontan in sich aufnehmen muss.
Aber selbst das stimmt nicht. Eine Sache verstehen heißt, sie sich aneignen. Aber ein Objekt, das man sich angeeignet hat, gehört nicht mehr in den Bereich der schönen Künste. Ein Kunstwerk bewahrt sich seinen ästhetischen Wert eben aufgrund der Tatsache, dass es in sich immer etwas Wesentliches, etwas Fundamentales birgt, das sich allen Versuchen des umfassenden Verstehens entzieht.“ (Asger Jorn, 1956/57, aus: Plädoyer für die Form, München 1990).

Die Zeichnerin und Bildhauerin Christine Colditz habe ich ca. 1979/80 bei der Arbeit an meinem Buch „Deutsche Künstlerinnen des 20. Jh.s“ in ihrem damaligen Münchner Atelier kennen gelernt.
Ich fand es sehr spannend, den laufenden Veränderungsprozess, den die Künstlerin seither durchlief, die Entwicklung über die Jahre, nachzuvollziehen.

Die 1943 in Dresden Geborene studierte von 1964-68 an der Akademie Karlsruhe in der Aktklasse von Albrecht von Hancke, einem in Süddeutschland  bekannten Maler und pädagogisch sehr begabten Professor, der seinen  eigenwilligen Malstil an viele Schüler weitergab, ohne jedoch Epigonen heranzuziehen. Das Kreismuseum hat bereits zwei Hancke-Schülerinnen präsentiert, wie sie verschiedener nicht sein können, Ulrike Herfeld und Sybille Onnen.

Auch Christine Colditz profitierte von diesem Lehrer. Sie zeichnete, als ich sie kennen lernte,  großformatige, kraftvolle Akte, zum meisten Teil Frauen, in Kohle, die sie  manchmal sehr sparsam mit rotbrauner Kreide und einer Akzentuierung in Weiß versetzte. Damals erschien ihr der vorübergehende Verzicht auf Farbe eine Antwort zu sein auf die Reizüberflutung der bunten Umwelt und der Medien.

Diesen Aspekt möchte ich festhalten im Hinblick auf ihre heutigen Arbeiten.

Sie zeichnete  michelangelohaft altmeisterlich, jedoch sehr eigen: Verschiedene Gesten, anatomische Einzelteile sind betont durch sorgfältige Ausarbeitung, durch eine Verdichtung, Verdunklung des zeichnerischen Duktus, während das übrige nur angedeutet ist –  der Körper in Bewegung aus verschiedenen Ansichten, der Körper als Fragment in seiner Schönheit, aber auch Hinfälligkeit. Rhythmisierungen von Mulde, Höhle, Hügel und Tal des Körpers sind betont und zeigen den Körper als Landschaft. Colditz sieht den menschlichen Körper nicht fixiert in einer einmal vorgefassten Meinung. Leben und künstlerischer Prozess befinden sich  im Fluß. Daher sind ihre Zeichnungen auch Bewegungsstudien, die oft auf dem Papier eine Gleichzeitigkeit der verschiedenen Haltungen entstehen ließen, z.B. beim Flötenspiel. Und bei diesen Arbeiten kam bereits Farbe ins Spiel, mit Pastellkreiden und eher sparsam gesetzt.

Die Bewegungsstudien vor dem Modell sind auch in den damals entstehenden Plastiken abzulesen. Die ungeheuer plastischen Zeichnungen schrieen geradezu nach Umsetzung ins Dreidimensionale. Zum Glück begegnete sie dem Wiener Bildhauer Alfred Hrdlicka, der nur bestätigte und bestärkte, was eigentlich schon auf der Hand lag: ins Dreidimensionale zu gehen, ohne aber die Zeichnungen als eine Art Vorstudien zu betrachten. Die Bildhauerarbeiten in Stein und Bronze setzen den eingeschlagenen Weg als logische Weiterentwicklung ins Dreidimensionale fort, denn auch hier stehen Fragmente menschlicher Gesten im Vordergrund. Die Linienführung verändert sich bei jedem Schritt um die Plastik, sich immer zu Neuem zusammenschließend, ohne für das Auge in Einzelteile auseinander zu fallen. Bei der Bildhauerei machte Christine Colditz alles selbst, bediente sich nicht einer Werkstatt wie viele Bildhauer, schwere Arbeit, die sie wieder aufgab.

1982 wurde Christine Colditz an die Akademie der Bildenden Künste Nürnberg auf einen Lehrstuhl für Malerei berufen. Mit ihren Studenten ging Christine Colditz in die freie Natur, damit sie sich von festgefahrenen Ansichten befreiten. Dabei bekam sie, die ja eher an der Figur arbeitete, selbst einen anderen Blick auf die Landschaft. Immerhin hatte sie den Körper immer als eine Art Landschaft betrachtet.

1988/89 ging es – unterstützt durch ein Werkstipendium bei der Plexiglas-Firma Röhm in Darmstadt -   wieder um Farbe. Es entstanden farbige Figuren, mehr oder weniger gegenständlich, in Plexiglas gegossen, eine Zeit voller arbeitsintensiver, vergnügter Experimente.

Aus dem Figürlichen kommend, immer mehr abstrahierend, bis keine gegenständliche Anmutung mehr stört, entstanden die hier zu sehenden Bilder. Christine Colditz verwendet das traditionelle Tafelbild, das sie teilweise auch zu Diptychen oder Triptychen zusammen setzt.

Farbintensive, vehemente Kompositionen ohne gegenständliche, wieder erkennbare Formen und Inhalte, jetzt aber zu verstehen nach meiner langen Vorrede als stringente Entwicklung der Künstlerin.

Gesten und Verdichtungen, und vor allem Bewegung, wichtig in den Zeichnungen, sind auch hier von Bedeutung. Mulde, Höhle, Hügel und Tal des Körpers sind auf die Natur übertragen. Demzufolge spielt auch der Schatten eine Rolle, spannungsvolle Helligkeit und Dunkelheit, raffiniert ausgewogene Komplementärkontraste.

Die expressiven, mit unbändiger Energie aufgeladenen Bilder von Christine Colditz beeindrucken durch die in rhythmische n Schwüngen stark aufgetragenen Farben, deren Leuchtkraft den gestischen Ausdruck dynamisch unterstützen. Man ist versucht, von gemaltem Licht zu sprechen. Hier, bei der sog. „Grünen Serie“, denkt man an Frühling. So kommt Gegenständliches durch die Hintertür wieder herein, obwohl es hier um den reinen Farbengenuss geht.

Die rhythmische, quirlige Geste bleibt direkt ablesbar, da Christine Colditz die plan auf dem Boden oder auf Tischböcken liegenden Leinwände nur mit den Händen und Fingern, ohne künstlerische Hilfsmittel, bemalt, höchstens mal mit einem Holz die Farbe gerade kratzt. Dabei interessieren sie vor allem die dabei entstehenden Strukturen, z.B. auch Ausblühungen des in der Ölfarbe enthaltenen Leinöls, das das Grün wie Moos aussehen  lässt. Der Farbauftrag ist teilweise so voluminös, dass reliefhafte Strukturen entstehen, die Farbe wächst in den Raum.

Die Farbe dient der Konstituierung des Raumes, während sie gleichzeitig die entstehenden Formen in einen kondensierten Ausdruck von z.B. Landschaftsvorstellungen, von Natur, überführt. Man denkt unwillkürlichen an Explosionen, an Ausbrüche gefesselter Erdkräfte, an jäh einbrechende Elemente, aber auch an die ruhigeren Kräuselungen von Wasseroberflächen in der Blauen Serie. Durch diese Kondensierung kann das geistige und emotionale Moment der Bewegung, des Prozesshaften in der Gestalt dieser rahmenlosen Bilder nach außen strahlen, als könne sich das grundsätzlich Grenzenlose der Natur fortsetzen.

In den Bildern von Christine Colditz haben wir es mit Bildausschnitten zu tun, denn jedes einzelne Bild ist Teil eines größeren Ganzen, herausgenommen und hervorgeholt aus dem kosmischen Bild. Das kosmische Bild, das ist ihre Beschreibung von der Welt, die sie für uns mit ihren Farben aufblättert, als eine Geschichte, die wir uns selbst ausdenken sollen. Die Bilder warten geradezu auf eine Entschlüsselung durch uns selbst.

In diesen Bildern bleibt nachvollziehbar, dass die gegenstandslosen Darstellungen in tatsächlichen Erfahrungen ihren Ursprung haben, sich aus durchlebten Emotionen speisen, die denen der Betrachter vielleicht ähnlich sind. Mir erscheinen diese Arbeiten wie Erinnerungsbilder, als spontane Entäußerung tiefer innerer, subjektiver Vorgänge und trotzdem wohlüberlegtes Ergebnis langer künstlerischer Erfahrung.
Es ist mir nicht möglich, über die Arbeit von Christine Colditz zu sprechen, ohne sie selbst zu betrachten. Und dieses will ich hier gerne tun, auch des Vergnügens wegen, die Übereinstimmung von Werk und Person festzustellen. Zögerliches in der Person, Zögerliches im Werk kommt nicht vor, was aber keineswegs auf fehlende Sensibilität hinweist. Christine Colditz nimmt sich, ihr Leben, die Dinge, die sie umgeben, und vor allem ihre Kunst, fest in die Hand. Christine Colditz, die ich der Disziplin der expressiven Malerei zuordne – sie selbst bezeichnet sich als radikale Expressive – ist eine Vollblutkünstlerin. Sie ist sehr puristisch, sehr streng, mit sich, mit ihren Studenten. Alles, was sie tut, tut sie mit großer Leidenschaft. Für mich teilt sich das in den Bildern ganz unmittelbar mit.
Wie ist das für Sie? Was machen die Bilder mit Ihnen, wenn Sie sich darauf einlassen?
Dr. Ulrika Evers
5.3.2003